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Einsicht ins Hirn
Von Peter P. Schneider Ein dynamisches Netzwerk von Neuronen fürs Funkenfeuer bei Verliebten, oder ein Botenstoff, der für abergläubische Bedeutungsträchtigkeit empfänglich macht: Forschern gelingt es immer wieder, Regionen und Stoffe im Hirn sichtbar zu machen, wo sich Wahrnehmungen, Gefühle oder gar Geisteshaltungen (ab)bilden. Würde man ein Gehirn «lesen», das sich im Schädel eines Autofahrers seinem Quartier, seiner Strasse und dann seinem Haus nähert, könnte man gewiss ohne Sichtkontakt bestimmen, wo sich das Auto gerade befindet – Ratten in einer Kiste sind auf diese Weise nämlich zu lokalisieren. Solches erfährt man in Manfred Spitzers Buch «Lernen», das mit viel Information zur Gehirnforschung und Anregungen zur «Schule des Lebens» aufwartet. Darüber, dass wir von Geburt weg bis ins Alter lustvoll lernen, ohne es zu wollen, wird Spitzer referieren (Sa 22.3., 15 Uhr). Wie bestellt liefert der wortgewandte Psychiater aus Ulm auch das Werk zu den Eröffnungsanlässen der Brain Fair mit der Pianistin Maria João Pires: «Musik im Kopf». Faszination und FurchtDie Einsicht ins Hirn durch technisch gewonnene Bilder könnte dereinst verraten, wo wir uns befinden, was wir denken, was wir fühlen – die Aussicht ist faszinierend, aber auch Furcht einflössend, selbst für Profis. Neue Roboter erkunden Gegenstände wie ein Baby und zeigen sogar Gefühle: «Beschimpft man sie, reagieren sie traurig», schildert Wolfgang Knecht, Managing Director des Zentrums für Neurowissenschaften Zürich, begeistert die kürzliche Präsentation eines amerikanischen Forschers. Aber dass die Fähigkeiten der menschenähnlichen Roboter, zu lernen und Erfahrung in Können umzusetzen, dann doch beschränkt sind, konstatiert Knecht nicht ohne gewisse Erleichterung: «Weil wir zu wenig wissen, was bei uns selbst abläuft, kann man das auch nicht in Maschinen übersetzen.» Fragen kann man sich auch, warum überhaupt Energie in die Entwicklung derartiger Maschinen gesteckt wird, wenn auf der Erde mehr als genug Leute jede denkbare Tätigkeit gern verrichten würden. Der Zustimmung der Öffentlichkeit gewiss ist sich die Forschung, wenn sie der Entwicklung von hilfreichen Interventionen bei irritierenden und schmerzvollen Abweichungen von der gesundheitlichen Norm zugute kommt. Podiumsgespräche an der Brain Fair geben Einblick in den Stand der Dinge – die Themen sind aktuell gewählt. Debattiert wird etwa über «Hochbegabte und ihre Integration»: Was ist überhaupt Intelligenz? Wie misst man sie? Werden emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz mitgezählt? Und: Brauchen die zwei Prozent der Bevölkerung, die als hoch begabt und teilweise im Sozialverhalten auch als sehr schwierige Schüler/-innen gelten, eine spezielle Nachhilfe? An andern Podien wird erläutert, was Hirnforschung zu Emotionen oder Panik/Ängsten im Alter zu sagen hat und welcher Umgang mit Störungen und Leidensdruck denkbar ist. An einem Forum zu Gewalt/Aggressivität und Kinderschutz gehts darum, wie sich Aggression aus neuropsychologischer Sicht ausnimmt und wie die Gefährlichkeit von Gewalttätern beurteilt wird. Das gewonnene Wissen hilft, Sprachlosigkeit und Ohnmacht bei der Begegnung mit lang tabuisierten Krisenerscheinungen abzubauen. Vermittlungsarbeit leisten da vor allem die Betroffenenorganisationen. Die Vereinigung für Angehörige Schizophreniekranker (VASK) versucht z.B. begreiflich zu machen, wie sich die schizophrene Erfahrung von unserer unterscheidet und welche Notwendigkeiten sich daraus für Angehörige und Betreuer im Alltag ergeben. «Das ist umso wichtiger, weil die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Kliniken heute nur noch etwa einen Monat und nicht mehr Jahre dauert», erklärt Karl Rüegg von der VASK. Dieser Wandel in der psychiatrischen Behandlung fordert die familiäre Umgebung stark und auch die Erkrankten selbst. Ein Drittel von ihnen gesundet nach einmaliger Störung, ein weiteres Drittel kann dank Medikamenten sowie Betreuung mit geschützter Arbeit und Unterkunft in weit gehender Normalität leben. Wer schon bei Foren der Brain Fair zugegen war, hat erlebt, wie offen und produktiv gerade bei Krankheiten der Dialog zwischen Wissenschaftern, Ärzten und Patienten geführt wird. Die Woche des Gehirns ist eine der raren Möglichkeiten für die Öffentlichkeit, sich aus erster Hand über den Stand der Wissenschaften zu informieren und die eigenen Wünsche und Interessen anzumelden. Am Tag der offenen Tür (Sa 22.3.) treffen dann die wissenschaftlichen Institute und die Betroffenenorganisationen verschiedenster Krankheiten in der ETH Haupthalle aufeinander. Der Sound des Hirns ETH Zentrum und Uni Zentrum, Samstag, 15., bis Samstag, 22. März 2003, Eintritt frei, Programm-Übersicht, www.brainfair-zurich.ch.
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