20:07 Uhr | Mittwoch, 18. Juni 2003

Einsicht ins Hirn
BrainFair
 
«Psyche und Gehirn» lautet das Thema der Brain Fair Zürich 2003. Zum ersten Mal wird das emotionale Geschehen ins Zentrum der Woche des Gehirns gestellt. Wie bilden sich Angst, Lernfreude und Verstörungen im Hirn ab? Und welche Effekte hat Musik aufs Gehirn? Dazu gibts live Beispiele aus prominenter Hand: In einem Konzert von Maria João Pires.


Von Peter P. Schneider

Ein dynamisches Netzwerk von Neuronen fürs Funkenfeuer bei Verliebten, oder ein Botenstoff, der für abergläubische Bedeutungsträchtigkeit empfänglich macht: Forschern gelingt es immer wieder, Regionen und Stoffe im Hirn sichtbar zu machen, wo sich Wahrnehmungen, Gefühle oder gar Geisteshaltungen (ab)bilden. Würde man ein Gehirn «lesen», das sich im Schädel eines Autofahrers seinem Quartier, seiner Strasse und dann seinem Haus nähert, könnte man gewiss ohne Sichtkontakt bestimmen, wo sich das Auto gerade befindet – Ratten in einer Kiste sind auf diese Weise nämlich zu lokalisieren. Solches erfährt man in Manfred Spitzers Buch «Lernen», das mit viel Information zur Gehirnforschung und Anregungen zur «Schule des Lebens» aufwartet. Darüber, dass wir von Geburt weg bis ins Alter lustvoll lernen, ohne es zu wollen, wird Spitzer referieren (Sa 22.3., 15 Uhr). Wie bestellt liefert der wortgewandte Psychiater aus Ulm auch das Werk zu den Eröffnungsanlässen der Brain Fair mit der Pianistin Maria João Pires: «Musik im Kopf».

Faszination und Furcht

Die Einsicht ins Hirn durch technisch gewonnene Bilder könnte dereinst verraten, wo wir uns befinden, was wir denken, was wir fühlen – die Aussicht ist faszinierend, aber auch Furcht einflössend, selbst für Profis.

Neue Roboter erkunden Gegenstände wie ein Baby und zeigen sogar Gefühle: «Beschimpft man sie, reagieren sie traurig», schildert Wolfgang Knecht, Managing Director des Zentrums für Neurowissenschaften Zürich, begeistert die kürzliche Präsentation eines amerikanischen Forschers. Aber dass die Fähigkeiten der menschenähnlichen Roboter, zu lernen und Erfahrung in Können umzusetzen, dann doch beschränkt sind, konstatiert Knecht nicht ohne gewisse Erleichterung: «Weil wir zu wenig wissen, was bei uns selbst abläuft, kann man das auch nicht in Maschinen übersetzen.» Fragen kann man sich auch, warum überhaupt Energie in die Entwicklung derartiger Maschinen gesteckt wird, wenn auf der Erde mehr als genug Leute jede denkbare Tätigkeit gern verrichten würden.

Der Zustimmung der Öffentlichkeit gewiss ist sich die Forschung, wenn sie der Entwicklung von hilfreichen Interventionen bei irritierenden und schmerzvollen Abweichungen von der gesundheitlichen Norm zugute kommt. Podiumsgespräche an der Brain Fair geben Einblick in den Stand der Dinge – die Themen sind aktuell gewählt. Debattiert wird etwa über «Hochbegabte und ihre Integration»: Was ist überhaupt Intelligenz? Wie misst man sie? Werden emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz mitgezählt? Und: Brauchen die zwei Prozent der Bevölkerung, die als hoch begabt und teilweise im Sozialverhalten auch als sehr schwierige Schüler/-innen gelten, eine spezielle Nachhilfe?

An andern Podien wird erläutert, was Hirnforschung zu Emotionen oder Panik/Ängsten im Alter zu sagen hat und welcher Umgang mit Störungen und Leidensdruck denkbar ist. An einem Forum zu Gewalt/Aggressivität und Kinderschutz gehts darum, wie sich Aggression aus neuropsychologischer Sicht ausnimmt und wie die Gefährlichkeit von Gewalttätern beurteilt wird.

Das gewonnene Wissen hilft, Sprachlosigkeit und Ohnmacht bei der Begegnung mit lang tabuisierten Krisenerscheinungen abzubauen. Vermittlungsarbeit leisten da vor allem die Betroffenenorganisationen. Die Vereinigung für Angehörige Schizophreniekranker (VASK) versucht z.B. begreiflich zu machen, wie sich die schizophrene Erfahrung von unserer unterscheidet und welche Notwendigkeiten sich daraus für Angehörige und Betreuer im Alltag ergeben. «Das ist umso wichtiger, weil die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Kliniken heute nur noch etwa einen Monat und nicht mehr Jahre dauert», erklärt Karl Rüegg von der VASK. Dieser Wandel in der psychiatrischen Behandlung fordert die familiäre Umgebung stark und auch die Erkrankten selbst. Ein Drittel von ihnen gesundet nach einmaliger Störung, ein weiteres Drittel kann dank Medikamenten sowie Betreuung mit geschützter Arbeit und Unterkunft in weit gehender Normalität leben.

Wer schon bei Foren der Brain Fair zugegen war, hat erlebt, wie offen und produktiv gerade bei Krankheiten der Dialog zwischen Wissenschaftern, Ärzten und Patienten geführt wird. Die Woche des Gehirns ist eine der raren Möglichkeiten für die Öffentlichkeit, sich aus erster Hand über den Stand der Wissenschaften zu informieren und die eigenen Wünsche und Interessen anzumelden. Am Tag der offenen Tür (Sa 22.3.) treffen dann die wissenschaftlichen Institute und die Betroffenenorganisationen verschiedenster Krankheiten in der ETH Haupthalle aufeinander.

Der Sound des Hirns
Was löst Musik im Kopf aus? Vor allem aber: Kann Musik heilend wirken? Diese Fragen werden zur Zeit heftig diskutiert und erforscht.

ETH Zentrum und Uni Zentrum, Samstag, 15., bis Samstag, 22. März 2003, Eintritt frei, Programm-Übersicht, www.brainfair-zurich.ch.

Der Sound des Hirns
BrainFair
 
Was löst Musik im Kopf aus? Vor allem aber: Kann Musik heilend wirken? Diese Fragen werden zur Zeit heftig diskutiert und erforscht.


Von Thomas Meyer

 

Beispiel Psychofonie: Das Vorgehen ist so einfach wie aufwändig: Man nimmt das EEG, das Elektroenzephalogramm, der Stammhirnregion des Patienten auf, analysiert das Ergebnis, setzt die Wellen mit Computer in Klangfolgen um und spielt diese individuelle Musik dem Patienten dreimal täglich zehn Minuten vor. Mit dieser (verkürzt beschriebenen) Methode lassen sich nach ersten Studien z. B. Kopfschmerzen wirksam behandeln. Sie ist der wesentliche Bestandteil der Psychofonie, einer Neurotherapie, die der Physiker Bruno Fricker und der Arzt Klaus Tereh kürzlich in ihrem Buch («Psychofonie – Die heilkräftige Klangquelle in meinem Kopf»; Verlag Spectralab) vorgestellt haben.

Dass derlei möglich ist, überrascht nicht. Wie sehr Musik auf die Psyche und damit aufs Wohlbefinden wirkt, hat jeder Mensch schon erfahren. Ob nun ein Musiktherapeut mit Patienten musiziert oder ob ihnen Musikstücke oder Tonfolgen verabreicht werden: Jedesmal schwingt die Hoffnung mit, Musik könne heilend auf Hirn und Körper wirken. Diese Hoffnung ist berechtigt, das wussten Menschen schon zu Vorzeiten. Neu ist eher, dass man systematisch vorgeht. Aussicht auf messbaren Erfolg besteht, denn Musik, oder simpler: Klänge, bieten vergleichsweise direkten Zugang zum Hirn, wie der Psychiater Manfred Spitzer kürzlich vortrug.

Wohlklingende Nutzlosigkeit

Klänge lassen sich recht gut beobachten. Der Hörvorgang von der Ohrmuschel übers Trommelfell und über Nervenzellen bis ins Hirn ist zwar in seiner Feinheit nicht ganz aufgeschlüsselt, aber dank ihrer hohen Präzision in Tonhöhe, Klangfarbe, Ortung lässt Musik genauere Schlüsse zu, was im Hirn geschieht, als dies etwa beim Tast- oder beim Geschmackssinn möglich wäre. Spitzer braucht immerhin ein spannendes vierhundertseitiges Buch, um Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk zu erklären («Musik im Kopf»; Verlag Schattauer). Ein anderes Problem, das Spitzer behandelt, ist die Frage, was denn der Mensch im Lauf der Jahrtausende mit seinem Hörvermögen angestellt hat. Die akustische Umwelt wahrzunehmen ist eine Sache; sie musikalisch weiter zu gestalten eine andere. Handelt es sich um eine völlig nutzlose Verhaltensweise, wie es der Vater der Evolutionstheorie, Charles Darwin, schon festgestellt hat? So, wie das farbenprächtige Rad des Pfauen nutzlos ist? Verminderte derlei nicht die Fähigkeit, im Alltag zu überleben?

«Die Idee, unser Gehirn entwickelte sich – allen Nachteilen für das Überleben zum Trotz – zunächst zum Meistern von Musik, Tanz, Kunst und Dichtung, wonach sich erst später bessere Überlebenschancen und vielleicht sogar verbesserte Strategien bei der Kriegführung gleichsam als Nebenprodukt einstellten, mag ungewöhnlich sein. Mir gefällt sie», schreibt Spitzer.

Tatsächlich ist der Gedanke schön, dass sich Musik eben nicht wirtschaftlichen oder politischen Kriterien zu beugen hat, sondern dass sie sich und uns selber genug ist. Wenn sie auch noch bei der Heilung hilft, ist das ein wünschenswerter Nebeneffekt. Das sollte nicht zur sektiererischen Einsicht führen, in der Therapie bestehe ihr Inhalt und Nutzen. Musik kann viel mehr – zum Beispiel gerade Musiker krank machen, wie Spitzer in seinem Buch beschreibt. Es ist wichtig, sich über diesen Aspekt zu unterhalten. Die Pianistin Maria João Pires, die in einer Podiumsdiskussion (So 16.3., 11 Uhr) und im Konzert (Sa 15.3., 16 Uhr) auftritt, hat diese Probleme erkannt und bietet auf ihrem Gut in Portugal Musikern Hilfe an.


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