Weltwoche vom 15. März 2001:

Bei Kopfweh Hirnmusik aufdrehen

Migräne, und keine Pille hilft? Jetzt gibt es eine neue Methode, die aus Hirnströmen heilende Töne komponiert

Von Till Hein

Schmerzen, dass der Schädel platzt: Selbstporträt von Gottfried Helnwein

Die Elektroden an der Kopfhaut fühlen sich kühl an. Sie sind vergoldet und leiten meine Gehirnströme über Kabel an den Computer weiter. «Wenn der Pacman Erbsen frisst, ist das ein gutes Zeichen», erklärt der Psychotherapeut Markus Stucki aus Boll bei Bern. Dann drückt er ein paar Tasten, und neben der Spielfigur auf dem Bildschirm sind plötzlich unruhige Wellenlinien zu sehen. Sie entsprechen dem Elektroenzephalogramm (EEG) und bilden die elektronischen Prozesse ab, die gerade in meiner Gehirnrinde ablaufen.
«Typisch für Erwachsene», beurteilt Stucki nach einer Weile die Wellenlinien auf dem Schirm. Beruhigend. Markus Stucki ist nämlich Kinder- und Jugendtherapeut und arbeitet in erster Linie mit hyperaktiven Kindern, die an der Aufmerksamkeitsstörung Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD) leiden. Sie können beim besten Willen weder ruhig sitzen noch aufmerksam dem Unterricht folgen. «Einer meiner Klienten hat im Alleingang vier Lehrer an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht», erzählt der Therapeut. «Hyperaktive Kinder haben eigentlich einen zu niedrigen Erregungspegel und dadurch grosse Konzentrationsschwierigkeiten», erklärt Stucki. «Ihre körperliche Unruhe ist nur eine Folge davon.»
Der Grad der Aufmerksamkeit eines Menschen lässt sich unter anderem an seinen Hirnströmen ablesen. Zeichnet man sie auf, zeigen sich unterschiedliche Wellenstrukturen: Alpha-Wellen (8 bis 13 Hertz), Beta-Wellen (13 bis 30 Hertz) und Teta-Wellen (4 bis 7 Hertz). Hier will die so genannte Neurofeedback-Methode ansetzen: Die Teta-Wellen in möglichst tiefe Bereiche lenken, die Beta-Wellen in möglichst hohe, erklärt Stucki das Ziel des Trainings. Wer diesen Zustand erreiche, sei gut konzentriert, und der Pacman fresse viele Erbsen. – Eine Art Hirnstrom-Computerspiel. Nach etwa dreissig Sitzungen zeige das Training meist auch im Schulalltag positive Auswirkungen, sagt der Therapeut.
Mein gebanntes Starren auf den Bildschirm scheint aber keinerlei Einfluss auf die Beta- und Teta-Frequenz zu haben. Was, zum Geier, muss man denn tun, damit die Wellen dem Willen gehorchen? Stucki kann das selbst nicht genau erklären. Aber die meisten Kinder würden bereits nach kurzer Zeit Fortschritte machen. Eine Möglichkeit, die Gehirnströme günstig zu beeinflussen, sei beispielsweise, sich auf die Wärme der eigenen Fingerspitzen zu konzentrieren. Klingt seltsam, aber interessant.
Das Einzige, was bisher erwiesenermassen gegen die ADHD wirkt, ist das Medikament Ritalin. In den Vereinigten Staaten sollen rund eine Million Schulkinder täglich mit Ritalin ruhig gestellt werden. Inzwischen sind dort aber auch Neurofeedback-Computerspiele zur Behandlung der ADHD populär geworden. In der Schweiz etablieren sie sich erst nach und nach.

Eigenartige, sphärische Hirnmusik

Auch die Volkskrankheit Migräne will man mittlerweile über die Hirnströme in den Griff bekommen. Eine noch junge Methode ist die Psychofonie. Sie basiert darauf, dem eigenen Gehirn zuzuhören. Zu diesem Zweck wird das Elektroenzephalogramm im beschwerdefreien Zustand an vier Stellen der Kopfhaut aufgenommen (Zeitaufwand: 17 Minuten) und dann über ein mathematisches Verfahren in Töne umgerechnet. Es entsteht eine eigenartige, sphärische Musik. Jedes EEG klingt anders. Mindestens drei Monate lang sollen Migränepatienten ihre Gehirnkomposition dreimal täglich während zehn Minuten anhören. Das wirke. «Wir wissen eigentlich selbst nicht ganz genau, warum», sagt der Mediziner Rolf Dünnenberger aus Liestal. Fakt ist aber: Während eines Migräneanfalls verändern sich die Gehirnströme. «Durch Anhören der normalen, keine Beschwerden auslösenden, elektronischen Hirnprozesse trainiert das Gehirn wahrscheinlich unbewusst, den gesunden Zustand zu bewahren», erklärt Dünnenberger.
Rund 450000 Migränepatienten gibt es in der Schweiz. Das Bedürfnis nach alternativen Behandlungsmethoden ist gross, denn viele der Betroffenen sind von der Schulmedizin enttäuscht. Viele Ärzte scheinen bereits mit der Diagnose einer Migräne überfordert. Der Neurologe und Kopfweh-Experte Hans-Christoph Diener aus Essen hat vor drei Jahren hundert Migränepatienten nach ihren Erfahrungen in unterschiedlichen Arztpraxen befragt: Die Internisten tippten meist auf zu niedrigen Blutdruck, Gynäkologen vermuteten eine Hormonstörung, und Zahnärzte entfernten die Amalgamfüllungen aus dem Gebiss. Besonders schlecht schnitten die Orthopäden ab: Sie behaupteten in 85 Prozent der Fälle, der Schmerz habe seinen Ursprung im Bereich der Halswirbelsäule.
Ist die Migräne erkannt, werden seit Anfang der neunziger Jahre häufig so genannte Triptane verschrieben. Diese Medikamente sind wirksam, können bei regelmässiger Anwendung aber dazu führen, dass sogar noch mehr Migräneschübe auftreten oder chronischer Dauerkopfschmerz entsteht.
Die Betriebswirtin Rosita Baumgartner (59) aus Zuzgen im Kanton Aargau schwört dagegen auf die Psychofonie. Sie hatte über vierzig Jahre lang regelmässig stärkste Migräneanfälle. Manchmal dauerten die Schübe bis zu drei Wochen an. «Ich wünschte mir jeweils nur noch, dass jemand mit einem Stahlhammer meinen Kopf zertrümmert.» Da ihr Triptane nicht die erhoffte Erleichterung brachten, nahm sie immer mehr davon, bis ihr Kreislauf zusammenbrach. Viele Jahre lang ging sie zu einem Psychotherapeuten, aber erst durch die Gehirnklänge wurde sie beschwerdefrei. 1997 begann sie mit der Behandlung. Anfangs legte Rosita Baumgartner ihre CD dreimal täglich ein, inzwischen nur noch beim Zubettgehen. «Ich schlafe dann meist schnell ein.» Seit eineinhalb Jahren braucht sie keine Tabletten mehr.
Zuerst wurde die Methode in der russischen Raumfahrt eingesetzt. Die Kosmonauten setzten das Elektroenzephalogramm auf diese Weise ein, um im Weltraum den körpereigenen Biorhythmus zu stärken. Seit rund sechs Jahren wird die Psychofonie nun bei Migräne eingesetzt. Rolf Dünnenberger hat bereits bei Dutzenden von Patienten die Gehirnströme gemessen und die Daten an den Physiker Bruno Fricker nach Kilchberg geschickt. Fricker ist Präsident der Fördergesellschaft der Psychofonie und für das Umwandeln der Wellen in Töne zuständig. Er produziert CD und Audio-Kassetten (Kostenpunkt: 700 bis 886 Franken). Die Kunden können unter fünfzig verschiedenen Instrumenten vier auswählen, die die Melodien ihrer Gehirnströme spielen sollen.
23 Ärzte und Therapeuten arbeiten in der Schweiz heute mit Fricker zusammen, und über 2000 Psychofonie-Tonträger wurden bereits verkauft. Ein Grossteil der Patienten sei zufrieden. Auch klinische Studien lassen auf eine Wirksamkeit schliessen: Am Kantonsspital Glarus wurden in einer 1999 publizierten Untersuchung 55 Migränepatienten auf diese Weise behandelt. Bei 56 Prozent der Patienten gingen die Beschwerden deutlich zurück.
Eine erste placebokontrollierte Untersuchung wurde an der Christian-Doppler-Klinik für Neurologie in Salzburg durchgeführt. Die Hälfte der 32 Probanden hörten während drei Monaten täglich ihre Gehirnmusik, die andere Hälfte von einem Zufallsgenerator zusammengestellte Klänge. Bei der Psychofonie-Gruppe ging der Leidensdruck deutlich stärker zurück.
Der Zürcher Neurologe Hansruedi Isler, Präsident der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft, bleibt skeptisch: «Wenn sich bei Migräne jemand grün anmalt und auf den Kopf stellt, kann das sicher auch helfen.» Es sei völlig unklar, ob es sich bei der Psychofonie nicht lediglich um Placebo-Effekte handle. «Die bisherige wissenschaftliche Basis dieser Methode reicht nicht aus.» Eine Umrechnung der EEG-Daten in Töne sei zweifellos möglich, betont Isler. «Nur, warum sollten sie gegen Migräne wirken?»
Er sei solche Kritik gewohnt, sagt Bruno Fricker. Doch dann platzt es aus ihm heraus: «Die Schulmedizin will die Neurofeedback-Therapien fertig machen.» Es gehe da nur um Macht und finanzielle Interessen; schliesslich liesse sich mit Medikamenten Geld verdienen.


Till Hein
ist freier Journalist und lebt in München