Das Ich - steuernd oder gesteuert?Leserbriefe zu "Metzinger fordert neue Bewusstseinskultur",
Tages Azeiger vom 18. 10. 1996Wenn Thomas Metzinger in seinem kürzlich erschienenen Buch
"Bewusstsein - Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie" zur Erkenntnis
gelangt, dass für die Seele kein Platz mehr vorhanden sei und demzufolge auch
ein Ich nicht existieren könne beziehungsweise ein Ich eine Illusion sei, so
ist dies für die meisten Religionen wohl aufsehenerregend, nicht aber für den
Buddhismus.
Bereits vor rund 2500 Jahren hat Buddha in seinen Lehrreden die
Wahrheit vom Nicht-Ich (annatta) erkannt, oder besser gesagt erfahren. Auf
dieser Erkenntnis basiert die gesamte Buddha-Lehre.
In den Urtexten des Buddhismus findet man nirgends einen Hinweis, dass
ein (transzendentes) Ich existieren würde. Weder ein Ich als "Ding an
sich" oder etwas "Wesenhaftes" sei zu finden und sei somit auch
nicht existent.
Dass die moderne Hirnforschung zu einem ähnlichen Schluss gelangt und
nun auch in der modernen Philosophie dieser Gedanke Eingang findet, ist
erstaunlich, zeigt aber gleichzeitig, dass die "Religion" des
Buddhismus wohl als einzige Religion auf der reinen Erkenntnis beruht.
MAX LADNER, PFAFFHAUSEN
Der Philosoph Thomas Metzinger im schwarzen Pullover verbreitet ex
cathedra trostlose und überhebliche "Wahrheiten". Dringend muss man
ihm entgegnen. Ein Denkfehler liegt bereits im Titel "Welches Bewusstsein hätten
Sie denn gern?" der Veröffentlichung im "Tages-Anzeiger".
Einerseits behauptet er, das Ich (das Selbst - der freie Wille) sei
eine Illusion, weil einzig durch Gehirnmaterie hervorgebracht. Anderseits weist
der Begriff "gern haben = bevorzugen" im Titel gerade darauf hin, dass
hier eine dem Bewusstsein übergeordnete Instanz auswählen kann.
Diese Paradoxie, dass in dem von ihm gelobten autogenen Training eine
Bewusstseinsveränderung durch eine freie Willensanstrengung (respektive durch
ein übergeordnetes Bewusstsein) hervorgebracht werden kann, weist ja gerade
darauf hin, dass das Ich letztendlich im Unendlichen verankert ist. Kann dieser
unendliche Regress durch Hirnmaterie erklärt werden? Materialismus als
einziges? Keinesfalls!
Der Hirnforscher und Nobelpreisträger John C. Eccles entwickelte mit
Karl Popper und theoretischen Physikern gemeinsam eine tragfeste, durch
lebenslange Forschungsresultate untermauerte Theorie, die Thomas Metzinger
diametral widerspricht. "Wie das Selbst sein Gehirn steuert" heisst
das bei Piper 1994 erschienene Buch, das wie kein zweites die duale Interaktion
zwischen einem unabhängigen Selbst und der Gehirnmaterie erklärt.
Mit anderen Worten: Mit wissenschaftlichen Argumenten wird
nachgewiesen, dass die komplexen Gehirnfunktionen nicht das letzte sind, sondern
ein wunderbares Interface zum Geist enthalten, das sich sogar lokalisieren lässt.
Gehirn und Geist sind eigenständige Lebensäusserungen. Die Würde des Menschen
und seine christliche Verankerung muss deshalb der Wissenschaft keinesfalls
geopfert werden. Normen und Werte sind nicht beliebig austauschbar, wie der
frivole Titel im TA suggeriert.
Mit der Psychofonie räumen wir im Bewusstsein Vernebelungen und
chronische Schmerzen auf einer vegetativen Ebene weg und befreien zum Denken.
Dazu brauchen wir keine Drogen (die dem Bewusstsein Gewalt antun) und auch keine
fragwürdigen Meditationsinhalte (die das Bewusstsein festbinden). In Poppers
"Welt 3" gibt es rein geistigen Stoff - dazu gehört auch die Bibel
als mächtigste geistige Informationsquelle -, um den eigenen Lebensweg bewusst
immer neu auszurichten und in Bescheidenheit und Verantwortung zu gestalten.
BRUNO FRICKER, KILCHBERG