Erschienen in der Basler Zeitung am 27.07.2001 www.baz.ch 
Mit einem «Musikament» gegen Schmerzen?
von Patrizia Derungs

 

Die einen schwören darauf, die anderen verwerfen bei diesem Thema 
die Hände: Die Psychofonie, eine Mischform zwischen Musiktherapie

und Neurofeedback, ist heftig umstritten. Angewendet wird sie

momentan vor allem im Bereich der Migräneprävention und -therapie.

Zurzeit wird unter dem Patronat der SUVA eine Studie zur

Wirksamkeit von Psychofonie bei Patienten mit Schleudertrauma

durchgeführt.

 

Samstag, 3. Februar 2001; Marcel Adler nimmt zum letzten Mal ein

Schmerz-Zäpfli. «Dieses Datum vergesse ich nie.» Schmerzmittel

haben den 67-jährigen Migränepatienten aus Maisprach ein halbes

Leben lang begleitet. Schon in der Jugend litt er an Migräneattacken,

die mit zunehmendem Alter häufiger wurden. «Die Schmerzen

kommen wie angeflogen. Man ist ihnen hilflos ausgeliefert. Schlimm

ist es, wenn dies bei Sitzungen passiert oder in einer

arbeitsintensiven Projektphase, für die man verantwortlich ist», 

erzählt der pensionierte EDV-Experte.

 

Aus Angst vor Migräneattacken hat er irgendwann einmal damit

begonnen, vor wichtigen Terminen präventiv ein Schmerzmittel

einzunehmen. Mit seinem beruflichen Aufstieg steigt auch sein

Medikamentenkonsum. Ende der sechziger Jahre bemerkt er, dass er

medikamentensüchtig geworden ist.

 

Für Marcel Adler beginnt eine Odyssee von einem Arzt zum anderen

und quer durch die Alternativmedizin. Als er die Hoffnung auf Heilung

schon aufgeben will, kommt ihm im vergangenen Jahr ein

Zeitungsartikel über «Psychofonie» in die Finger. Marcel Adler

meldet sich zu einer Konsultation beim Liestaler Arzt Rolf

Dünnenberger an, dem einzigen Arzt in der Region Basel, der mit

Psychofonie arbeitet. Seit vergangenem Dezember hört Marcel Adler

nun dreimal täglich, jeweils morgens, mittags und abends, zehn

Minuten lang seine Psychofonie. Seitdem hat sich sein Zustand

kontinuierlich verbessert. Die Migräneanfälle seien nicht ganz

verschwunden, aber sie seien selten geworden und erträglicher. Aus

seinem Leben verschwunden sind hingegen die Schmerzmittel und

sein diffuses Kopfweh.

 

Wirkungsweise unbekannt

 

«Psychofonie wirkt nicht bei jedem Patienten», sagt der Mediziner

Rolf Dünnenberger. Er habe Patienten gehabt, die ausschliesslich

wegen dieser Therapie zu ihm gekommen seien, bei denen die

Therapie aber versagt habe. Der genaue Wirkmechanismus der

Psychofonie ist unklar (vgl. auch Kasten). Klar jedoch ist, dass sich

die Hirnströme während eines Migräneanfalls verändern. «Eine

Hypothese ist, dass durch das Anhören der normalen Hirnprozesse,

umgewandelt in akustische Signale, unbewusste Konditionierungsvorgänge 
im Gehirn ausgelöst werden, sodass das Gehirn trainiert wird, den gesunden 
Zustand zu wahren», erklärt Dünnenberger. 

 

In den vergangenen sechs Jahren hat er etwas mehr als

100 Patienten mit Psychofonie behandelt, rund 60 Prozent davon

erfolgreich. Die Vorteile der Psychofonie: Die Anwendung ist einfach.

Die Behandlung kann jederzeit und unabhängig von einem Arzt

durchgeführt werden; Nebenwirkungen sind bis anhin nicht bekannt.

Werbung für diese Therapieform will Dünnenberger aber trotzdem

keine machen. «Schliesslich müssen die Patienten die 700 bis 886

Franken für die Psychofonie selber berappen, und im Voraus kann ich

nicht sagen, ob sie wirkt.»

 

Umstrittene Therapie

 

Unter Neurologen ist die Psychofonie heftig umstritten. Die

Meinungen darüber gehen diametral auseinander. Die Kritiker

vermuten bei der Psychofonie vor allem eine Autosuggestion des

Patienten oder einen Placeboeffekt, der bei Migränetherapien in der

Tat sehr hoch ist. Eine Umrechnung der EEG-Daten in Töne sei

zweifellos möglich. Doch weshalb sollten diese gegen Migräne helfen,

äusserte sich der Präsident der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft, 
der Neurologe Hansruedi Isler, gegenüber der «Weltwoche». 
«Wenn sich bei Migräne jemand grün anmalt und auf den Kopf stellt, 
kann das möglicherweise auch helfen», so sein Kommentar. 

 

Daniel Jeanmonod, Professor für Neurochirurgie an der

Universitätsklinik in Zürich und Forschungsleiter am Zentrum für

Neurowissenschaften an der ETH Zürich, ist da anderer Ansicht: «Die

Forschungsresultate in der modernen Neuroforschung sprechen nicht

grundsätzlich gegen die Psychofonie, im Gegenteil.» Diese zeigten

nämlich, so Jeanmonod, dass für sämtliche Funktionen, die vom

Gehirn gesteuert würden, im Gehirn jeweils ein entsprechender

Rhythmus eingestellt werde. Daraus folge, dass man das Gehirn,

genauso wie das Herz auch, als ein «Rhythmusorgan» betrachten

müsse. «Die Psychofonie könnte ein erfolgversprechender Ansatz

sein, weil man heute die Wichtigkeit der Rhythmen im Gehirn erkennt

und die Psychofonie mit Rhythmen arbeitet. Es ist jedenfalls ein

Ansatz, den man unbedingt genauer untersuchen sollte», ist

Professor Jeanmonod überzeugt. 

 

Dies dürfte kein einfaches

Unterfangen sein, denn zum einen fehlt es am nötigen Budget, wie es

grossen Pharmakonzernen zur Verfügung steht, andererseits ist die

Skepsis der Neurologen gross. So will man an der Schmerzklinik

Kirschgarten in Basel mit Psychofonie nichts zu tun haben, wie der

Neurologe Matthias Stallmach gegenüber der BaZ erklärt, und auch am

Basler Kantonsspital hält man Distanz zur Psychofonie. Vom Ansatz

her klinge es interessant, meint der Basler Professor für Neurologie

Ludwig Kappos, doch fehle ein nachvollziehbarer, medizinischer

Wirksamkeitsnachweis, eine placebokontrollierte Doppelblindstudie.

Zwar wurde an der Christian-Doppler-Klinik für Neurologie in

Salzburg eine solche durchgeführt, doch wurde diese nicht von einer

massgeblichen medizinischen Zeitschrift publiziert - für die

wissenschaftliche Anerkennung ein Muss. Eine erste klinische Studie,

und zwar eine offene Beobachtungsstudie, wurde in der Schweiz

1996 am Glarner Kantonsspital durchgeführt und 1999 in der

medizinischen Zeitschrift «Praxis» publiziert, welche in

medizinischen Kreisen aber nicht als Forum für die Publikation einer

Originalstudie betrachtet wird. In beiden Studien wird eine deutliche

Besserung durch Psychofonie beobachtet, doch sind die

Patientenzahlen in beiden Studien nicht gross genug, um statistisch

signifikant zu sein.

 

Musikament oder Medikament?

 

Neurologen, die trotzdem mit Psychofonie arbeiten - in der Schweiz

sind es deren zwei -, nehmen einen Prestigeverlust in Kauf. Dazu

gehört der Churer Neurologe Roland Markoff, der seit fünf Jahren

Psychofonie zur Prävention von Migräne und Spannungskopfweh

einsetzt. «Denn die medizinische Migräneprophylaxe liegt im Argen»,

begründet Markoff sein Tun. Diese bestehe in der Abgabe von

Medikamenten - von Betablocker über Kalziumantagonisten bis zu

Antiepileptika und Antidepressiva -, die einerseits zu massiven

Nebenwirkungen führen könnten und andererseits von den Patienten

nicht mehr ohne weiteres geschluckt würden. Er habe die Psychofonie

nicht aus eigener Initiative, sondern auf ausdrücklichen Wunsch

einiger seiner Patienten in sein Behandlungsangebot aufgenommen.

Markoff: «Hinter fast jedem meiner Migränepatienten steht eine

jahrelange Leidensgeschichte. Und wenn ich mit Psychofonie dieselbe

Erfolgsrate habe wie mit Antiepileptika, darf man sich füglich

fragen, will man ein Medikament oder ein "Musikament".»

 

Informationen. - Schweizerische Ärztegesellschaft  für Psychofonie:

www.psychofonie.ch  - Zürcher Neurologengesellschaft: www.zng.ch  -

Schweizerische Kopfwehgesellschaft: www.headache.ch  - «Praxis»,

Schweizerische Rundschau für Medizin (Studie in Praxis 1999; 88:

946-949): www.Praxis.ch  - Zentrum für Neurowissenschaften der

ETH Zürich: www.neuroscience.unizh.ch

Kasten zum Stichwort Psychofonie

 

pd. Die Psychofonie basiert auf Ergebnissen der Weltraumforschung und wurde in den 80er Jahren erstmals vom deutschen Neurologen Hans-Georg Trzopek angewendet. In der Schweiz wird Psychofonie als Therapie seit sechs Jahren praktiziert, mittlerweile von insgesamt 20 Ärzten. Für die Erstellung einer Psychofonie werden zunächst die Hirnströme des Patienten an vier genau bezeichneten Stellen am Kopf durch ein digitales Elektroenzephalogramm aufgenommen. Während der Aufnahme muss der Patient schmerzfrei sein und darf nicht unter Medikamenteneinfluss stehen.
Das aufgenommene Elektroenzephalogramm (EEG) des Patienten wird anschliessend im Spectralab im zürcherischen Kilchberg, dem EEG-Labor des schweizerischen Patentinhabers Bruno Fricker, in hörbare Töne umgesetzt. Dazu wird in einem komplizierten mathematischen Verfahren für jeden der vier abgeleiteten Kanäle eine Tonfolge aus Rhythmus und Melodie errechnet. In einem computergesteuerten Filterungsprozess werden störende sowie für das Befinden der Patienten irrelevante Hirnwellen, wie etwa diejenigen, die vom Lidschlag ausgehen, herausgefiltert. Die so entstandenen Daten werden anschliessend vertont - zur Auswahl stehen 50 Instrumente, aus denen der Patient wählen kann - und hernach auf Kassette, CD oder als MP3-File gespeichert. Diese soll der Patient über einen Kopfhörer täglich drei Mal während zehn Minuten anhören.
Zurzeit wird unter dem Patronat der Suva, der Zürich Versicherung und der Winterthur Versicherung eine Studie zur Wirksamkeit von Psychofonie bei Patienten mit Schleudertrauma durchgeführt. Die Resultate werden auf Ende dieses Jahres erwartet.